Perlentaucher am Morgen

Ich habe diesen Feuilletonüberblick abonniert und meistens ist es nicht wirklich interessant, was dort zusammengetragen wird. Männerdiskurse muss ich mir nicht antun.
Aber heute gibt es wieder etwas von der – von mir sehr geschätzten – Familie Assmann zu lesen. Es geht um Antisemitismus und ob eine Kritik an der israelischen Regierung zwangsläufig gleichzeitig antisemitisch ist. Viele Israelis handeln sich ja diesen Vorwurf gerade auch von Deutschen immer wieder ein. Nun geht es um die „Bantustanisierung“ des Westjordanlandes respektive die Homelandpolitik der radikalen SiedlerInnen. Man weiß ja inzwischen, dass sich die radikalen Orthodoxen aus den USA und der Sowjetunion bis 1967 überhaupt nicht für den Staat Israel interessiert haben, ja ihn nachgerade bekämpft haben, weil er ein geteiltes Jerusalem akzeptierte. Nach dem 6-Tage Krieg änderte sich die Lage. Das Westjordanland wurde besetzt, genauso wie der Gazastreifen, die Golanhöhen  und natürlich Ost-Jerusalem.
Dass die Grenze zwischen Ost-Jerusalem und dem Rest der Stadt nach wie vor existiert, erfuhr ich am eigenen Leib. 2006 besuchte ich das American Colony Hotel in Ost- Jerusalem und wollte danach mit einem Taxi in mein Hotel im Westen  fahren. Es war aber die Zeit kurz vor Rosh Hashanah und es gab Straßenkontrollen durch die Polizei. Wir wurden angehalten und ich sollte meinen Reisepass vorzeigen, den  ich nicht dabei hatte. Unsere Reiseleitung hatte uns nämlich nicht gesagt, dass wir für Ausflüge innerhalb Jerusalems alle Papiere mitnehmen müssen. Aber in einem Polizeistaat muss man das wohl. Dankenswerterweise ließ sich die Polizistin vom Taxifahrer  überzeugen, dass ich nur ne doofe Touristin bin und wir konnten die Fahrt fortsetzen. Auf dieser Reise lernten wir noch mehr. Wir machten wir am Shabath einen Ausflug nach Ramallah im Westjordanland. Wir konnten kaum übersehen, wie der Vertrag von Oslo das Land verunstaltete. Es gab Straßen für Siedler und es gab Straßen für Palästinenser. Und wir bekamen es mal wieder an einer Polizeikontrolle zu tun. Und konnten uns das Grinsen kaum verkneifen, aber der junge Kommandant ließ sich weder von uns noch von seinen Kameraden erweichen, wir kamen auf dem direkten Weg nicht nach Ramallah rein. Der Busfahrer wendete und fuhr irgendwie irgendwelche Wege  und zack – waren wir ohne Kontrolle an unserem Ziel.
An diesem Nachmittag besuchten wir das bereits 2006 völlig zersiedelte Westjordanland und der Eindruck entstand bei ns, dass es hier wohl genauso aussieht wie zu Apartheidszeiten in Südafrika. Wenn also heute jemand diesen Eindruck hat, wird er  noch eher zutreffen als vor 14 Jahren. Es wird ja quasi jeden Tag palästinensisches Land enteignet und für Palästinenser bleiben immer kleinere Inseln übrig im Meer der orthodoxen Siedler.
Zur Wahrheit gehört auch, dass die Siedlungen nicht wirklich beliebt sind und oft leer stehen, so dass dort auch arabische Großfamilien angesiedelten werden. Das alles ist Israel heute, regiert von einem unter Korruptionsverdacht stehenden Ministerpräsidenten mit einer – um einen meiner Lieblingsbegriffe  zu benutzen – klerikalfaschistischen Parteienkoalition.
Fast so wie Polen – übrigens: um die Legitimation solcher Vergleiche geht heute der Streit im Feuilleton.

Corona 3 Wochen update

Ab Montag dürfen Kinder im Norden wieder auf den Spielplatz – natürlich nicht ohne ein Hygienekonzept der Kommunen. Mit App oder MuNaSchu für Kids ab 6. Ein Vorlauf für die Schulöffnung. Nur beim Schichtunterricht müssen auch die Eltern zu Hause bleiben. Arbeitgeber sind immer begeistert, wenn sie es mit Eltern oder noch besser mit Müttern zu tun haben.
Der Tourismus soll auch was dürfen: Gaststätten dürfen ab Pfingsten öffnen – natürlich nicht ohne Hygienekonzept. Gespannt bin ich auf die Regelungen für die Kultur….

Übrigens auf dem Wochenmarkt herrscht keine MuNaSchu Pflicht.  Und in einer Bank ist der MuNaSchu…..verboten – dort gilt das sog. Schutzkonzept immer noch als Vermummung. In die Tanke muss man dagegen vermummt – allerdings ohne Motorradhelm.
Auf jeden Fall sind die Leute beschäftigt und haben was zum Reden. Wenn ich auf der Straße ohne MuSchu rumlaufe, werde ich böse angesehen und man hält Abstand. Immerhin klappt das dann wenigstens. Die Abstandsregeln können von mir aus gerne beibehalten werden. Ich mochte es noch nie, wenn mir fremde Leute zu dicht auf den Pelz rückten. Z.B. wenn sie mir ihren Einkaufswagen in die Hacken rammten. Sehr unangenehm empfand ich die Distanzlosigkeit in ostischen Saunen in der Wendezeit. Da musste ich schon mal mein Handtuch gegen den nachbarlichen nackten Hintern verteidigen – mehrere böse Blicken meinerseits reichten in den meisten Fällen.

 

der 1. Mai

Am 1. Mai 2020 wird besonders deutlich wie leicht die erkämpften Rechte für die Unterprivilegierten abgeräumten werden können. Von der Arbeitszeitordnung bis zur Mutter, die zu ihren Kindern im Haus gehört – natürlich ohne entsprechende Altersversorgung. Denn wer nicht sozialversicherungspflichtig arbeitet…..
Schön ist immer der Eiertanz um die Kita-Betreuung. Da muss ernsthaft argumentiert werden, warum diese Betreuung ne gute Sache ist. Denn ganz schnell heißt es „Fremdbetreuung“ weil die Mütter arbeiten müssen, also für die Wirtschaft (das ist zur Zeit ziemlich schlecht beleumundet) – also der schnöde Mammon versus Gesundheit der Kinder – uih, da kommt die Rabenmutter um die Ecke gebogen. „der 1. Mai“ weiterlesen

Tschernobyl, den 26. April 1986

Vor 34 Jahren explodierte das Atomkraftwerk in Tschernobyl.  Erfahren habe ich davon erst als der Fallout schon unterwegs war. Der Grund: wir waren in Frankreich und dort kennt man keine Gefahren, die von AKWs ausgehen. Also standen die Kühe noch auf der Weide und die Alten aßen mit viel Appetit die weißen Wiesenchampignons. Als wir dann die Grenze zur Schweiz überquerten, merkten wir, dass irgendetwas passiert sein musste. Die Schutzvorkehrungen hielten wir anfangs für völlig übertrieben. Allerdings als ich dann von den ersten Regentropfen erwischt wurde, stieg auch bei mir der Respekt vor der Katastrophe. Die offizielle Politik hatte zu dem Nuklear Fall-Out übrigens keine Meinung! Es wurde weder eine Ausgangssperre verhängt, noch wurden von staatlicher Seite  Strahlenmessungen angeordnet. Und so machten alle, was sie für richtig hielten. „Tschernobyl, den 26. April 1986“ weiterlesen