
Agathe – vor 15 Jahren

Wie ich die Großstadt hinter mir ließ und an die Küste zog

Als notorische Kulturzeitseherin staunte ich nicht schlecht, als gestern Influencerinnen vorgestellt wurden, die eine Lanze für ihre Haare brachen. Es ging mal nicht um die Löwinnenmähne auf dem Kopf, sondern um Achselhaare, Schamhaare und Haare an den Beinen. Die Damen wollen sich nicht länger rasieren! Tja. # januhairy. Da muss frau nur alt genug werden, damit einen die aktuellen Trends einholen. Rasiert habe ich mich nie. Früher als jugendliches Kind habe ich mit dieser fies stinkenden Creme die Haare aus den Achselhöhlen entfernt. Das habe ich dann irgendwann nachgelassen. Das war’s. Haarstoppeln an den Beine fand ich nie attraktiv. Das piekte nämlich. Übrigens je älter frau wird, umso weniger Haare gibt es an den – so called – tabuisierten Stellen: unter der Achsel oder im Bereich der Schambehaarung. Wobei ein glatt rasiertes Kinn zu den – männlichen – Pflichten gehörte.
Und nun das: ich war all die Jahre eine Tabubrecherin ohne es zu wissen! 😉
Na, endlich – möchte die alte Kämpferin stöhnen. Da haben wohl die Kirchenlichter bei den Sozen im letzten Jahr so viel Prügel bezogen, dass sie jetzt nicht mehr aufmucken. Dafür aber meine Freundin die christliche Elisabeth Winkelmeier-Becker – sie sieht überall schon die Werbetrommel der Geschäftemacher- klar als Wirtschaftspolitikerin der Christenunion sieht sie neue Verdienstmöglichkeiten. Nur leider steht vor ihren Visionen das Standesrecht. Leider , leider – klappt also nicht mir der Propaganda. Ist auch etwas lahm, die AFD kann das bestimmt besser – die Rechten werden irgendwann mit dem Untergang des Vaterlandes winken.
Ärztinnen und Ärzte durften noch nicht einmal auf ihren Webseiten schreiben, welche Abbruchmöglichkeiten es gab. Schon bog die Staatsanwaltschaft um die Ecke. Ich durfte alles schreiben – hab ich auch. Nur die Fachleute nicht. Das wird – wann eigentlich? – nun anders.
Leider nützt das inzwischen nicht mehr viel, denn es werden z.B. in Flensburg die Möglichkeiten zum Abbruch radikal eingeschränkt, wenn u.a. das neue – kirchliche – Klinikum (das einzige dann in F-town ) aus Gewissengründen keine Abbrüche mehr vornimmt – egal aus welchen Gründen. Noch nicht einmal zum Schutz von Schwangeren oder bei Zwillingsschwangerschaften – von Schwangeren mit überlebendem Zwilling! Unsere große Oberbürgermeisterin Lange von der SPD schweigt immer zu diesem Thema – wär mir auch peinlich! Und dann gilt natürlich noch das, was der djb in seiner Pressemitteilung schreibt:
„Zur Sicherstellung und Förderung der reproduktiven Selbstbestimmung muss die Informationslage weiter aktiv verbessert werden. Dazu gehört, Gehsteigbelästigungen zu unterbinden und Beratungsstellen besser vor Anfeindungen zu schützen. Es gilt, die weiteren Ankündigungen des Koalitionsvertrags umzusetzen: die Möglichkeit der Online-Schwangerschaftskonfliktberatung sowie die flächendeckende Versorgung mit Beratungseinrichtungen. Außerdem müssen die Ärzt*innen, die Abbrüche vornehmen, besser geschützt werden und die Bundesländer ihren Versorgungsauftrag ernst nehmen. „Die Länder müssen ein ausreichendes Angebot ambulanter und stationärer Einrichtungen sicherstellen. Davon sind aber einige Gebiete Deutschlands auch 30 Jahre nach Inkrafttreten des Schwangerschaftskonfliktgesetzes weit entfernt.“, so Maria Wersig, die Präsidentin des Deutschen Juristinnenbundes.
Dank des Landesermächtigungsgesetzes durfte die SH Landesregierung mal eben so spontan am Dienstag viele Einschränkungen beschließen, die dann auch gleich am Mittwoch in Kraft traten. Sehr schön. Und da fragen sich zur Zeit an jedem Tag in irgendeiner Reportage, warum immer mehr „normale“ Menschen die Faschisten ignorieren, die mit ihnen zusammen gegen die Corona-Maßnahmen demonstrieren. Ja, warum wohl? Vielleicht weil sie sich ausgebremst fühlen, weil sie die Nazis als das geringere Übel ansehen, weil sie sich ohnmächtig einer übermächtigen Verwaltung gegenüber sehen, weil sie sich rechtlos fühlen? Selbst das Bundesverfassungsgericht hatte nichts gegen den Selbstermächtigungscharakter der Notlagengesetze. Im letzten Jahr hieß es „Bundesnotbremse“. Da war ich plötzlich illegal auf Reisen. Und nun war ich illegal beim Sport. So schnell kann es gehen, wenn „die da oben“ das Koordinatensystem verschieben. Wenn die regierungs-eigenen Kriterien, die sich ja auch schon ständig je nach Wetterlage änderten (von flatten the curve, über Inzidenz, Ansteckungsraten und Hospitalisierung) nun noch nicht einmal mehr gelten, dann frage nicht nur ich mich: was ist da los? Die Hospitalisierung liegt aktuell bei 3,1, bei einer täglichen positiven Testrate von über 80 000 Menschen. Selbst die Krankenhäuser räumen ein, dass sie nun wieder zum Alltagsgeschäft übergehen können, weil keiner mehr mit Corona kommt. Aber wir werden mit 2G plus genervt – wozu? Und dann die Kontrollen. Die RKI App, mit der Restaurants etc. den Impfstatus überprüfen sollen, kann nicht zwischen 2. und 3. Impfung unterscheiden. Dieser Fehler soll auch nicht behoben werden, warum? Weil es eigentlich auch völlig egal ist. Denn nach 2 Impfungen gilt der Mensch als vollständig geimpft, wenn es ein „westlicher“ Impfstoff ist. Und der Quatsch mit 2 G plus? Nun der soll nur die Leute verrückt machen. Und noch mehr Menschen auf die Demos und in die Arme der Nazis treiben, weil die eigentlich gar nicht so doof sind, oder? Hilfreich ist da auch noch die Debatte um eine allgemeine (völlig ungeklärte) allgemeine Impfpflicht.